Die Altersschwäche der Mittelschicht

Häufig erhalten wir von unseren Kunden Wanderschuhe, deren Sohle bei der letzten Wanderung einfach zerbröselt ist. Was genau hier geschehen ist, erklärt Johann Friedl. Er arbeitet seit 2009 bei Hanwag als Schuhentwickler und erklärt regelmäßig unter der Rubrik “Frag’ Friedl” in der Hanwag Bergpost Technisches Rund um das Thema Schuh. 

Text mit freundlicher Genehmigung der Fa. Hanwag, Bergpost Nr. 8.

In so manchem Keller und auf so manchem Speicher schlummert es, das vermeintliche Schmuckstück – ein kaum getragener Bergschuh. Ohne jegliche Abnutzungsspuren sieht er noch genau so neu aus, wie man ihn vor zehn Jahren dort abgestellt hat. Der Anblick eines so „jungfräulichen Klassikers“ lädt regelrecht zu einer ausgiebigen Tour in den Bergen ein – keine Frage. Doch wer mit solchen, in die Jahre gekommenen Exemplaren loswandert, hat gute Chancen, ohne komplette Sohle nach Hause zurückzukehren. Warum?

Hydrolyse heißt die Antwort, ein chemischer Prozess, bei dem Wasser eine chemische Verbindung spaltet – im Falle der Zwischensohle Polyurethan. Das Material nimmt ganz langsam Feuchtigkeit auf und verändert damit seine Eigenschaften. Es wird härter, poröser, irgendwann beginnt die Zwischensohle zu bröseln und im Extremfall löst sie sich komplett auf. Die Laufsohle fällt dann einfach ab. Wer denkt, dass dies ein Zeichen minderer Qualität ist, der irrt. Im Gegenteil, der Hydrolyseprozess wird eigentlich nur bei hochwertigem Schuhwerk bemerkt, da andere Schuhe erst gar nicht so alt werden – es sei denn: Man benutzt sie nicht…

Es gibt jedoch Unterschiede, ob man Polyurethan auf Ester- oder Ether-Basis nimmt. Beide haben ihre Vor- und Nachteile bezüglich Dauerhaftigkeit der Dämpfung, Elastizität, mechanische Festigkeit, UV- und Mikrobenbeständigkeit etc. Praktisch alle Hersteller qualitativ hochwertiger Berg- und Trekking-Schuhe setzen auf PU auf Ester-Basis. In der Summe seiner Eigenschaften ist es das geeignetste Material – trotz der Hydrolyse. Daher haben auch alle Hersteller mit dieser Altersschwäche zu kämpfen.

Das Dumme an der Hydrolyse ist: Man kann von außen nichts erkennen! Der Prozess beginnt zuerst innen. Selbst wenn die Schuhe optisch wie neu aussehen, kann das Innenleben der Zwischensohle bereits geschädigt sein. Es empfiehlt sich also, nach längeren Standzeiten vor dem Aufbruch zu einer großen Tour seine Schuhe „testzulaufen“. Eine reine Sichtprüfung reicht nicht aus.

In den einschlägigen Foren oder Bewertungsportalen liest man oft, dass die Hydrolyse langsamer verlaufe, wenn die Schuhe getragen würden. Auch wir sprechen dann von einem „Standschaden“. Da ich mir selbst nicht ganz sicher war, habe ich nachgefragt ob das stimmt: Unser Zwischensohlenlieferant meinte „ja“, einer der großen PU-Hersteller wollte das nicht unbedingt bestätigen. Wir werden uns des Themas mal annehmen. So oder so: Berg- und Wanderschuhe gehören raus in die Natur und nicht ins Regal!

Sehr großen Einfluss auf den Hydrolyseprozess hat dagegen die Lagerung. Schuhe müssen luftig und trocken aufbewahrt werden. Darüber hinaus sollten sie nie hohen Temperaturen ausgesetzt werden. Beides begünstigt die Hydrolyse massiv. Früher begann die Hydrolyse bei sachgerechter Lagerung bereits sechs bis sieben Jahre nach der Fertigung der Zwischensohle (wobei man natürlich nie weiß, wie alt Schuhe bereits sind, wenn man sie im Laden kauft), heute dauert das deutlich länger. Was man auch vermeiden sollte, ist Kontakt mit Jauche und Mist (Mikroben) – vor allem auf Dauer. Kuhfladenreste also bitte nach der Tour sofort entfernen – am besten abspülen.

Wessen Schuhe von Hydrolyse betroffen sind, darf sich hingegen über unsere Machart freuen: Da unsere Schuhe nicht gestrobelt sind (eine Machart, die keine Wiederbesohlung erlaubt), können sie ohne Probleme neu besohlt werden – mitsamt einer garantiert nagelneuen Zwischensohle!

Kunden-Service

Ihre Wanderschuhe können Sie einfach bei tapir abgeben. Wir schicken sie dann zum Hersteller und nach 2-4 Wochen erhalten Sie die reparierten Schuhe zurück. Haben Sie Fragen zum Thema Neubesohlung, Reparatur oder Pflege von Schuhen, sprechen Sie uns einfach an. Wir haben das richtige Pflegemittel für jeden Schuh!

Die Hanwag Bergpost erscheint halbjährlich mit Neuigkeiten, Geschichten und Wissenswertem vom bayerischen Bergschuster Hanwag und ist natürlich kostenfrei bei uns im tapir erhältlich!